Praxis

KI im Arbeitsschutz: Was Sie selbst machen können

KI im Arbeitsschutz: Was Sie selbst machen können

KI-Tools wie ChatGPT können im Arbeitsschutz Entwürfe liefern: Texte für Unterweisungen, Betriebsanweisungen, Fristenlisten und einen ersten Aufschlag der Gefährdungsbeurteilung. Prüfen, an die Räume anpassen und verantworten muss der Arbeitgeber selbst. Die Bestellung einer Fachkraft für Arbeitssicherheit nach § 5 ASiG und deren Fachkunde nach § 7 ASiG ersetzt KI nicht.

Künstliche Intelligenz im Arbeitsschutz meint hier Sprachmodelle, die auf eine Texteingabe hin Text erzeugen. Ein Sprachmodell ist ein Programm, das aus großen Textmengen gelernt hat, welche Formulierung wahrscheinlich als Nächstes folgt. Es kennt deshalb die typische Sprache von Vorschriften sehr gut, prüft aber nicht, ob eine Aussage stimmt. Daraus folgt die ganze Arbeitsteilung dieses Beitrags: Formulieren kann die KI, Prüfen und Entscheiden bleibt beim Menschen.

Was kann KI im Arbeitsschutz gut?

KI ist im Arbeitsschutz dort stark, wo es um Struktur und Sprache geht: Gliederungen, verständliche Formulierungen, Übersetzungen, Zusammenfassungen und Listen. Ein Büro spart damit vor allem Zeit beim ersten Entwurf. Gute Ergebnisse entstehen, wenn der Betrieb Kontext liefert: Betriebsart, Beschäftigtenzahl, Räume, Tätigkeiten und die Frage nach den Rechtsgrundlagen.

Konkret lohnen sich diese Aufgaben:

  • Unterweisungstexte. Aus Stichworten wie „Bildschirmarbeit, Brandschutz, Erste Hilfe, zweites Obergeschoss“ wird eine gegliederte Unterweisung in einfacher Sprache, auf Wunsch auch auf Englisch für internationale Teams.
  • Betriebsanweisungen. Für Gefahrstoffe im Büro, etwa Reinigungsmittel oder Tonerkartuschen, liefert KI eine Gliederung nach den üblichen Abschnitten. Die Angaben aus dem Sicherheitsdatenblatt muss der Betrieb selbst eintragen und abgleichen.
  • Fristenlisten. KI sortiert wiederkehrende Pflichten nach Intervall. Die Fristen selbst gehören geprüft, zum Beispiel mit dem Unterweisungs-Fristenrechner.
  • Erster Aufschlag der Gefährdungsbeurteilung. KI listet typische Gefährdungen eines Büros auf: Bildschirmarbeit, Stolperstellen, Raumklima, psychische Belastung, Elektrik.
  • Vorschriften zusammenfassen. Eine lange Technische Regel für Arbeitsstätten lässt sich auf die für das Büro relevanten Abschnitte eindampfen, solange der Originaltext danebenliegt.

Wo liegen die Grenzen?

Die Grenzen von KI im Arbeitsschutz sind fünf: Sie erfindet Fakten, sie kennt Ihren Betrieb nicht, sie wirft Datenschutzfragen auf, sie trägt keine Haftung und sie ersetzt keine gesetzlich vorgeschriebene Bestellung. Jede dieser Grenzen ist für sich genommen ein Grund, einen KI-Entwurf nie ungeprüft in die Betriebsdokumentation zu übernehmen.

Erfundene Paragrafen und Beträge

Ein Sprachmodell erzeugt plausible Sätze, keine geprüften. Ein typischer Fehler sind Bußgeldbeträge: Auf die Frage nach Sanktionen nennen KI-Tools regelmäßig Summen, die so in keinem Gesetz stehen, oder sie werfen Bußgeld, Anordnung und Strafe in einen Topf. Der tatsächliche Rahmen ist enger und klar geregelt. Eine Ordnungswidrigkeit gegen eine Unfallverhütungsvorschrift oder eine vollziehbare Anordnung der Berufsgenossenschaft kann nach § 209 Abs. 3 SGB VII mit einer Geldbuße bis zu 10.000 Euro geahndet werden. Ein Arbeitgeber, der einer vollziehbaren Anordnung der Arbeitsschutzbehörde zuwiderhandelt, riskiert nach § 25 Abs. 2 ArbSchG eine Geldbuße bis zu 30.000 Euro. Wer solche Zahlen aus einem KI-Text übernimmt, sollte sie immer im Gesetzestext nachlesen.

Keine Ortskenntnis

KI sieht weder den Kabelsalat unter dem Schreibtisch noch die zugestellte Fluchttür. Eine Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG bewertet aber die konkreten Arbeitsplätze, nicht ein typisches Büro. Ein KI-Entwurf ist deshalb eine Liste möglicher Gefährdungen, keine Beurteilung. Was in der Liste fehlt, weil es in Ihrem Gebäude eine Besonderheit ist, findet nur eine Begehung.

Datenschutz bei Beschäftigtendaten

Gesundheitsdaten sind nach Art. 9 DSGVO eine besondere Kategorie personenbezogener Daten und dürfen nur unter engen Voraussetzungen verarbeitet werden. Unfallberichte, Angaben zu einer Schwangerschaft oder Ergebnisse der arbeitsmedizinischen Vorsorge gehören deshalb nicht mit Namen in ein KI-Tool. Ein externes Tool verarbeitet personenbezogene Daten nur rechtssicher, wenn ein Vertrag zur Auftragsverarbeitung nach Art. 28 DSGVO besteht.

Haftung und Bestellung

Der Arbeitgeber trägt nach § 3 ArbSchG die Verantwortung für die erforderlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes. Übertragen darf er Pflichten nach § 13 ArbSchG nur an zuverlässige und fachkundige Personen, nicht an eine Software. Die Fachkraft für Arbeitssicherheit muss nach § 5 ASiG schriftlich bestellt werden und nach § 7 ASiG sicherheitstechnische Fachkunde besitzen. Ein KI-Tool kann beides nicht. Wie die Bestellung abläuft, steht in Bestellung der Fachkraft für Arbeitssicherheit.

Welche Aufgaben passen zu KI, welche brauchen Fachkunde?

Die Faustregel lautet: KI für Text und Struktur, Fachkunde für Bewertung, Entscheidung und Ort. Die Tabelle ordnet die häufigsten Arbeitsschutzaufgaben eines Büros entsprechend ein. Sie zeigt auch, dass fast jede Aufgabe beide Teile hat: Den Entwurf kann die KI liefern, den letzten Schritt nicht.

KI im Arbeitsschutz nach Aufgabe
AufgabeMit KI selbst machbarWo Fachkunde nötig ist
Unterweisung nach § 12 ArbSchGGliederung, Text, Übersetzung, QuizfragenBezug auf die eigenen Räume, Durchführung, Nachweis
Betriebsanweisung GefahrstoffeAufbau nach üblichen AbschnittenAbgleich mit dem Sicherheitsdatenblatt, Freigabe
Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchGListe typischer Gefährdungen, VorlageBegehung, Bewertung, Maßnahmen, Wirksamkeitskontrolle
Psychische BelastungFragebogenentwurf, AuswertungsschemaAuswahl des Verfahrens, Auswertung, Maßnahmen
Fristen und PrüfintervalleListe sortieren, Kalender vorbereitenIntervalle prüfen, Prüfung durch befähigte Personen
Vorschriften verstehenZusammenfassung, Begriffe erklärenAuslegung im Einzelfall, Abstimmung mit der Berufsgenossenschaft
Betreuung nach ASiGFragen für das AuswahlgesprächBestellung, sicherheitstechnische Fachkunde nach § 7 ASiG
ArbeitsunfallGliederung für die interne AuswertungUnfallanzeige, Ursachenanalyse, Datenschutz

Ein Vergleich macht den Unterschied greifbar: KI-Entwurf vs. Gefährdungsbeurteilung heißt mögliche Gefährdungen eines typischen Büros vs. bewertete Gefährdungen Ihrer Arbeitsplätze mit Maßnahmen und Verantwortlichen. Was eine prüffähige Beurteilung enthalten muss, erklärt Gefährdungsbeurteilung im Büro.

Wie viel Zeit spart KI im Büro wirklich?

KI spart vor allem Schreibzeit beim ersten Entwurf, nicht die Zeit für Prüfung, Begehung und Durchführung. Wie viel das ausmacht, hängt davon ab, wie viele Texte ein Betrieb überhaupt selbst erstellt. Belastbare Studien zu Zeitersparnissen im betrieblichen Arbeitsschutz gibt es bisher nicht. Die folgende Rechnung ist deshalb ein Beispiel mit Annahmen, keine Messung.

Annahmen für ein Beispielbüro: Die jährliche Unterweisung braucht einen neuen Text, zwei Betriebsanweisungen werden überarbeitet, die Gefährdungsbeurteilung bekommt eine Aktualisierung. Ohne KI rechnen wir mit acht Stunden Schreibarbeit, mit KI mit drei Stunden Entwurf plus Prüfung.

Beispielrechnung Schreibzeit pro Jahr (Annahmen)
BetriebTexte pro JahrOhne KIMit KI inkl. PrüfungWas bleibt
Büro mit 8 Beschäftigten48 Stunden3 StundenUnterweisung halten, Begehung
Büro mit 35 Beschäftigten816 Stunden6 StundenUnterweisung in Gruppen, Arbeitsschutzausschuss
Büro mit 120 Beschäftigten, 2 Standorte1530 Stunden12 StundenBegehungen je Standort, Abstimmung mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit

Die Rechnung zeigt den Rahmen: Die Ersparnis ist real, aber sie betrifft den kleineren Teil der Arbeit. Die Unterweisung selbst, die Begehung und die Ausschusssitzungen dauern genauso lange wie vorher.

So nutzen Sie KI im Arbeitsschutz sicher

Ein sicherer Einsatz von KI im Arbeitsschutz folgt fünf Schritten: Aufgabe abgrenzen, Daten bereinigen, Kontext vorgeben, Quellen prüfen und vor Ort abgleichen. Die Reihenfolge ist wichtig, weil der Datenschutz vor der ersten Eingabe geklärt sein muss und die Freigabe erst nach dem Abgleich mit der Wirklichkeit kommt.

  1. Aufgabe abgrenzen. Festlegen, dass die KI nur einen Entwurf liefert, und nie eine Entscheidung, eine Bestellung oder eine Bewertung ersetzt.
  2. Daten bereinigen. Vor der Eingabe Namen, Gesundheitsangaben und Unfalldetails entfernen oder durch Platzhalter ersetzen.
  3. Kontext vorgeben. Betriebsart, Beschäftigtenzahl, Räume und Tätigkeiten beschreiben und ausdrücklich nach Rechtsgrundlagen fragen.
  4. Quellen prüfen. Jeden genannten Paragrafen, jede Frist und jeden Betrag im Originaltext auf gesetze-im-internet.de oder bei der Berufsgenossenschaft nachlesen.
  5. Vor Ort abgleichen. Den Entwurf mit einer Begehung und mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit abgleichen, anpassen und erst dann freigeben und dokumentieren.

Ein Beispiel für Schritt 3: Statt „Schreib eine Unterweisung fürs Büro“ lautet ein brauchbarer Auftrag „Unterweisung für ein Büro mit 30 Beschäftigten, zwei Etagen, Teeküche, Homeoffice-Anteil 40 Prozent. Gliederung nach Gefährdungen, je Abschnitt die Rechtsgrundlage, Sprache für Laien“. Die Antwort bleibt ein Entwurf, ist aber deutlich näher am Betrieb. Worauf es inhaltlich bei der Unterweisung ankommt, steht in Unterweisung im Büro.

Die EU-KI-Verordnung verlangt seit dem 2. Februar 2025 in Art. 4 von Unternehmen, die KI-Systeme einsetzen, Maßnahmen für ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz ihres Personals. Eine kurze interne Regel, wer KI im Arbeitsschutz wofür nutzt und wer Ergebnisse freigibt, ist deshalb mehr als Formalie.

Was bleibt Sache der Fachkraft für Arbeitssicherheit?

Der Fachkraft für Arbeitssicherheit bleiben die Aufgaben, die Fachkunde, Ortskenntnis und Verantwortung verlangen: Begehungen, die Bewertung von Gefährdungen, die Beratung des Arbeitgebers, die Mitarbeit im Arbeitsschutzausschuss und die Prüfung, ob Maßnahmen wirken. KI kann ihr Zuarbeit leisten, aber keine dieser Aufgaben übernehmen.

Die Fachkraft für Arbeitssicherheit unterstützt den Arbeitgeber nach § 6 ASiG beim Arbeitsschutz und ist nach § 8 ASiG bei der Anwendung ihrer sicherheitstechnischen Fachkunde weisungsfrei. Der Unterschied zur KI liegt nicht in der Textmenge, sondern im Urteil: Eine Fachkraft erkennt, dass die neue Trennwand die Fluchtwegbreite unterschreitet, und weiß, welche Technische Regel dafür gilt. Typische Lücken, die ohne diesen Blick entstehen, zeigt Sieben Fehler in der Gefährdungsbeurteilung.

Wer die Entwürfe selbst mit KI schreiben will, die Prüfung aber in fachkundige Hände geben möchte, kann beides kombinieren. Safety Club ist eine Option dafür: eine Fachkraft für Arbeitssicherheit vor Ort plus prüfsichere Dokumentation im Kundenportal.

Dieser Beitrag ist eine allgemeine Orientierung und ersetzt keine rechtliche Einzelfallberatung. Maßgeblich sind die jeweils aktuellen Fassungen der genannten Vorschriften sowie die Auslegung Ihrer zuständigen Berufsgenossenschaft.

Häufige Fragen

Darf ich eine Gefährdungsbeurteilung mit ChatGPT erstellen?

Ja, als Entwurf. Verantwortlich bleibt nach § 5 ArbSchG der Arbeitgeber. Die Beurteilung muss die tatsächlichen Arbeitsplätze abbilden, geprüft und nach § 6 ArbSchG dokumentiert sein. Ein ungeprüfter KI-Text ohne Begehung erfüllt das nicht.

Ersetzt KI die Fachkraft für Arbeitssicherheit?

Nein. Nach § 5 ASiG muss der Arbeitgeber eine Person schriftlich bestellen, die nach § 7 ASiG die sicherheitstechnische Fachkunde besitzt. Eine Software kann weder bestellt werden noch Fachkunde nachweisen.

Zählt eine KI-generierte Unterweisung als Unterweisung?

Der Text kann Grundlage sein. Die Unterweisung selbst muss nach § 12 ArbSchG arbeitsplatzbezogen, verständlich und während der Arbeitszeit stattfinden und wird nach § 4 DGUV Vorschrift 1 mindestens einmal jährlich wiederholt und dokumentiert.

Welche Daten gehören nicht in ein KI-Tool?

Namen von Beschäftigten, Gesundheitsangaben, Unfallhergänge mit Personenbezug und Ergebnisse arbeitsmedizinischer Vorsorge. Gesundheitsdaten sind nach Art. 9 DSGVO besonders geschützt. Ohne Vertrag zur Auftragsverarbeitung nach Art. 28 DSGVO gehören solche Daten nicht in ein externes Tool.

Wer haftet, wenn die KI einen Fehler macht?

Der Arbeitgeber. Die Pflichten aus dem ArbSchG lassen sich nach § 13 ArbSchG nur auf zuverlässige und fachkundige Personen übertragen, nicht auf eine Software. Ein Fehler im KI-Entwurf ist rechtlich ein Fehler des Betriebs, der ihn übernommen hat.

Müssen Beschäftigte für KI-Tools geschult werden?

Die EU-KI-Verordnung verlangt in Art. 4 seit dem 2. Februar 2025 von Betreibern von KI-Systemen Maßnahmen für ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz ihres Personals. Wer KI im Arbeitsschutz einsetzt, sollte daher regeln, wer sie wofür nutzt und wie Ergebnisse geprüft werden.

Quellen

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